22.3.12, 19 Uhr 

Vortrag: Julie Wolfthorn (1864 - 1944). Rekonstruktion eines Künstlerinnenlebens

Rathaus, Tribsees

 

23.3.12, 19 Uhr 

Eröffnung der Ausstellung: Ida Gerhardi. Deutsche Künstlerinnen in Paris

Städtische Galerie/Museen der Stadt Lüdenscheid

Es werden auch Exponate von Julie Wolfthorn gezeigt und im Katalog ebenfalls ein Beitrag zu Julie Wolfthorn "Immer ist Frühling in Paris. Julie Wolfthorn und ihre Verbindungen zu Jelka Rosen, Adele von Finck und Ida Gerhardi"

 

Heike Carstensen
 

Leben und Werk der
Malerin und Graphikerin
Julie Wolfthorn
(1864 – 1944)

Rekonstruktion eines Künstlerinnenlebens

Julie Wolfthorn – zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte sie zu den meistbeschäftigten und bekanntesten Künstlerinnen Deutschlands. Käthe Kollwitz und Max Liebermann schätzten sie. Sie prägte das reformerische Kulturleben der Hauptstadt Berlins mit, war eine gute Netzwerkerin und in vielen Vereinigungen aktiv. Die Liste ihrer Porträts liest sich wie ein Who‘s who der damaligen Gesellschaft.

Heute aber ist Julie Wolfthorn vergessen, nur einem kleinen Kreis bekannt. Das liegt zum einem wohl an der Kunstgeschichtsschreibung und -forschung, die Künstlerinnen generell lange wenig beachtete. Zum anderen ist es auch in der Biographie der Malerin und Graphikerin begründet. Sie war jüdischer Herkunft. Mit der Machtübernahme und einsetzenden Judenverfolgung änderte sich für Julie Wolfthorn das Leben radikal. Auch sie wurde zunehmend aus der Gesellschaft ausgegrenzt. 1942 mit beinahe 80 Jahren ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, überlebte sie dort noch zwei Jahre – selbst an diesem Ort arbeitete sie weiter, wenn auch heimlich.

Heike Carstensen fasst erstmals die verstreuten Quellen zusammen und wertet diese aus. Einem biographisch orientierten Text, der auch ihre künstlerische Entwicklung darstellt, schließt sich ein kommentierter Katalog mit nahezu 500 Werken an. Es ist ein erster Grundstein, um die Malerin und Graphikerin Julie Wolfthorn (1864–1944) dem Vergessen zu entreißen – und ihr einen würdigen Platz in der Kunstgeschichtsschreibung einzuräumen.


 

 

 

Die Autorin
Heike Carstensen

 

Dr. Heike Carstensen studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft  und Germanistik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie war viele Jahre in der Redaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages und während des Studiums in der Kunsthalle zu Kiel und in der muthesius Kunsthochschule in Kiel tätig.

Seit mehreren Jahren lebt sie als freiberufliche Kunsthistorikerin in Stralsund – und kuratiert und publiziert insbesondere im Bereich der „vergessenen Künstler“.

 

ISBN 978-3-8288-2728-8
518 Seiten, Paperback
Tectum Verlag 2011
Preis: 34,90 € *
 

 

(english version below)

Julie Wolfthorn ist am 8. Januar 1864 im westpreußischen Ort Thorn an der Weichsel als Julie Wolf geboren. Mitte der 1890er, als sie in Berlin lebte und sich zunehmend in der Kunstszene etablierte, fügte sie ihrem Nachnamen ihren Geburtsort Thorn an und nennt sich fortan Wolfthorn. Über ihre Herkunftsfamilie, ihre Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Ihre Eltern starben früh. Julie war jüngstes von 5 Kindern. Die Familie muss den Künsten gegenüber aufgeschlossen sein, denn ein von Julie Wolfthorn gemaltes Bildnis ihres Bruders Georg Wolf zeigt diesen als Bildhauer und ihre Schwester Luise Wolf, mit der sie zeitlebens zusammenlebte, arbeitete als Übersetzerin literarischer, kunst- und kulturwissenschaftler Texte aus dem Skandinavischen, Französischem und Englischem.

Julie Wolfthorn gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts neben Käthe Kollwitz und Dora Hitz zu den führenden Künstlerinnen Deutschlands. Sie war besonders durch ihre Porträts bekannt geworden. Die Liste der Dargestellten und Auftraggeber liest sich wie ein Auszug des Who is who der Berliner Gesellschaft: Ida und Richard Dehmel, Hedwig Lachmann und Gustav Landauer, die Familien der Architekten Muthesius und Behrens, die Schriftstellerinnen Hedda Möller-Bruck, Dagny Juel-Przybyszewska und Gabriele Reuter, der Pianist Conrad Ansorge und seine Frau Grete, die Schauspielerinnen Tilla Durieux, Maria Orska und Carola Neher, die Schriftsteller Björn Björnson und Gerhart Hauptmann und seine Frau Margarethe, das Verlegerehepaar Emilie und Rudolf Mosse, der Künstlerkollege Christian Rohlfs - um nur einige zu nennen. Um die Jahrhundertwende ließ sie sich in Berlin-Tiergarten nieder und lebt insgesamt über 40 Jahre im Haus Kurfürstenstraße 50, unterbrochen von vielen Studienreisen in Künstlerkolonien wie Worpswede, Dachau, Schreiberhau, Hiddensee und Ascona sowie nach Frankreich, während der Studienzeit malte sie auch in Grez-sur-Loing (siehe Abb. Sommernachmittag in Grez), Italien, Belgien und Holland.

Julie Wolfthorns Kunst hat eine impressionistische Ausrichtung, nähert sich zeitweise dem Jugendstil und später dem sachlichen Stil. Neben Bildnissen liegen Landschafts- und Stadtbilder, Genreszenen, Zeichnungen, Graphiken sowie Titelblätter und Illustrationen von Publikationen und Kunstpostkarten ihrer Arbeiten vor.

Zahlreiche Kritiken, Werkabbildungen und Titelsteiten in Zeitungen und Zeitschriften wie "Berliner Tageblatt", "Vossische Zeitung", "Frau und Gegenwart", "Westermanns Monatshefte", "Die Gartenlaube" und "Kunst der Zeit" und viele andere machten die Künstlerin weithin bekannt. Die Nationalgalerie sowie andere Museen in Berlin haben ihre Arbeiten angekauft.

1933 änderte sich das Leben für die Malerin und Graphikerin Julie Wolfthorn, die jüdischer Herkunft war, radikal. Sie wird aus Vereinigungen ausgeschlossen, erhält Publikationsverbot und darf nur noch im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes ausstellen, bis zum Berufsverbot 1939. Im Oktober 1942 wird sie mit ihrer Schwester ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Hier überlebt sie noch mehr als zwei Jahre und stirbt im Dezember 1944, kurz vor ihrem 81. Geburtstag. Auch in Theresienstadt hat die Künstlerin noch weitergearbeitet. Im April 2003 wurden für ihre Schwester und sie so genannte "Stolpersteine" zum Gedenken gelegt.

Seit 2007 ist die Dissertation zu "Rekonstruktion eines Künstlerinnenlebens - Leben und Werk der Malerin und Graphikerin Julie Wolfthorn (1864 – 1944)" an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel fertiggestellt. Allerdings ist es natürlich möglich, dass bis zur Drucklegung noch weitere Hinweise eingearbeitet werden können. Ich freue mich nach wie vor über alle Informationen, die Julie Wolfthorn und ihren Umkreis betreffen, und würde mich sehr über eine Kontaktaufnahme Ihrerseits freuen. Auf Wunsch werden Informationen natürlich streng vertraulich behandelt.

Biography

Julie Wolfthorn is born 8.1.1864 as Julie Wolf in the small West Prussian (modern-day Poland) town of Thorn on Weichsel river. Durings the mid-1890s, while living in Berlin and starting to establish herself more and more in the art scene, she added the name of her birthtown to her surname and from then on called herself "Wolfthorn". About her family, her childhood and her youth not much is known. Her parents died early. Julie was the youngest of five children. The family must have been open towards the fine arts, as a portait of her brother Georg Wolf by Julie Wolfthorn shows him as a sculptor. Also her sister Luise Wolf, with whom she lived together throughout almost her whole life, translated literary, art and cultural study texts from Scandinavian languages, French and English into German.

At the beginning of the 20th century, Julie Wolfthorn was one of the leading female artists in Germany along with Käthe Kollwitz and Dora Hitz. She had become known chiefly through her portrait paintings. The names of the people she painted and her clients can be read like an excerpt of a "Who:s Who" of the Berlin society of those days: Ida and Richard Dehmel, Hedwig Lachmann and Gustav Landauer, the families of the architects Muthesius und Behrens, the writer authors Hedda Möller-Bruck, Dagny Juel-Przybyszewska and Gabriele Reuter, the painist Conrad Ansorge and his wife Grete, the actresses Tilla Durieux, Maria Orska and Carola Neher, the writer-authors Björn Björnson and Gerhart Hauptmann and his wife Margarethe, the publisher couple Emilie and Rudolf Mosse, the artist and colleague Christian Rohlfs - just to name a few.

At the turn of the century, she settled in Berlin-Tiergarten, and lived in the house at Kurfürstenstraße Nr. 50 for more than fourty years - interrupted by many stays in artist colonies like Worpswede, Dachau, Schreiberhau, Hiddensee, and Ascona as well as study travels to France - she had also painted in Grez-sur-Loing near Paris ("Summer Afternoon in Grez") -, Italy, Belgium and the netherlands.

The beginning of the 1890s we find Julie Wolfthorn in Paris where she studies at the famous private academy Colarossi. A lot of prospective female artits chose this possibility because in Germany they would be applicated to academies not until 1919. Julie Wolfthorn had herself prepared for Paris with drawing and painting lessons but we do not know when and where. Since the midst of the last 19th century she exhibited her works in galleries and museums in Munich, Hamburg, Breslau, Mannheim, Weimar, Berlin and so on. In summer 1897 she had her artistic breakthrough with a great pastel panel.

heike.carstensen@web.de